Vorbemerkungen
Eine Ju-Jutsu-Prüfung ist eine Überprüfung der technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Prüflings. Der Prüfling soll zeigen, dass er in der Lage ist, die geforderten unterschiedlichen Aufgabenstellungen des Prüfungsprogramms unter Berücksichtigung der grundsätzlichen Prinzipien des Ju-Jutsu darzustellen. Eine Prüfung ist daher zunächst und in erster Linie eine individuelle Leistungsüberprüfung im Rahmen der breitensportlichen Ausrichtung des Ju-Jutsu, die dem Prüfling im Positivfall eine höchstpersönliche Erfolgsrückmeldung in Form der bestandenen Gürtelprüfung gibt.


Das Ju-Jutsu-Prüfungsprogramm steigert die Aufgabenvielfalt und Komplexität der Aufga-benstellungen von Graduierung zu Graduierung kontinuierlich, wobei einzelne Aufgabenstel-lungen sinnvoll abgestimmt sind und logisch aufeinander aufbauen. Diese sinnvolle Abstimmung und dieser logische Aufbau sind insbesondere bei den Prüfungsfächern „Stockabwehr“ und „Messerabwehr“ zu erkennen.

Bei den Prüfungsfächern „Stockabwehr“ und „Messerabwehr“ soll der Prüfling zeigen, dass er auch in der Lage ist, einen bewaffneten Angreifer abzuwehren, ohne z.B. bei der Abwehr der Waffenangriffe die Kontrolle über den Angreifer zu verlieren oder sich in die Gefahr zu bringen, von den Waffen verletzt zu werden.
Diese Prüfungsfächer sind – wie alle anderen des Prüfungsprogramms auch – vom Grundsatz her als abstrakte Aufgabenstellung zu verstehen. Eine Debatte darüber, ob die gezeigten Abwehr-/Verteidigungshandlungen in einer (vermeintlich) realen SV-Situation geeignet sind, den Angreifer tatsächlich abzuwehren, ist generell nicht zielführend. Es geht vorrangig um das Lösen einer besonderen – abstrakten – Aufgabenstellung, bei der spezielle Vorgaben in der Ausführung zu demonstrieren sind, die bei der Abwehr waffenloser Angriffe eben nicht zu berücksichtigen sind.


Ausführungen zur „Stockabwehr“
Das JJ-Prüfungsprogramm beginnt mit der Waffenabwehr beim 3. Kyu mit der „Stockabwehr“. Der Stock ist grundsätzlich als Distanzwaffe zu verstehen. Eine der Hauptaufgaben des Verteidigers besteht hier darin, zunächst die zusätzliche Distanz zum Angreifer von ca. 60 cm ohne Eigengefährdung zu überwinden, bevor die eigentlichen Techniken bzw. Kombinationen angesetzt werden können.

Über „Kontrolle des waffenführenden Arms“ beim 3. Kyu steigert sich das Programm mit „Konter- oder Störtechnik“ im 2. Kyu dann bis zur „zwingenden Entwaffnung“ des Stocks im 1. Kyu.

Aufbau der Stockabwehr im JJ-Prüfungsprogramm

1.    mit Kontrolle des waffenführenden Arms (Abwehr der Stockangriffe 1 – 8 durch Kontaktaufnahme mit dem angreifenden Arm i.V.m. entsprechenden Ausweichbewe-gungen); Kontrolle des waffenführenden Arms mit der freien Hand bzw. beidhändig
→ 3. Kyu

2.    mit Kontrolle des waffenführenden Arms und gleichzeitiger Konter- oder Störtechnik
→ 2. Kyu

3.    mit Kontrolle des waffenführenden Arms, gleichzeitiger Konter- oder Störtechnik und zwingender Entwaffnungstechnik, die im Verlauf der gesamten Abwehrhandlung im Stand oder in der Bodenlage erfolgen kann
→ 1. Kyu

Ausführungen zur „Messerabwehr“
Derselbe methodische Aufbau findet sich im Prüfungsprogramm auch bei der Messerabwehr. Bei der Messerabwehr agiert der Verteidiger grundsätzlich wieder in der gewohnten Distanz zum Angreifer, muss jedoch berücksichtigen, dass der Angreifer eine in besonderem Maße (lebens-)gefährliche Waffe in der Hand hält.

Die Messerabwehr baut auf den grundlegenden Bewegungsabläufen der Stockabwehr
– allerdings bei verkürzter Distanz und unter der Berücksichtigung der besonderen Gefährlichkeit des Messers – auf, beginnt jedoch eine Graduierungsstufe später (2. Kyu).

Auch die „Messerabwehr“ steigert sich über „Kontrolle des waffenführenden Arms“ beim 2. Kyu über „Konter- oder Störtechnik“ im 1. Kyu bis zur „zwingenden Entwaffnung“ des Messers im 1. DAN.

Aufbau der Messerabwehr im JJ-Prüfungsprogramm

1.    mit Kontrolle des waffenführenden Arms (Abwehr der Messerangriffe 1 – 5 durch Kontaktaufnahme mit dem angreifenden Arm i.V.m. entsprechender Ausweichbewegungen); Kontrolle des waffenführenden Arms mit der freien Hand bzw. beidhändig
→ 2. Kyu

2.    mit Kontrolle des waffenführenden Arms und gleichzeitiger Konter- oder Störtechnik
→ 1. Kyu

3.    mit Kontrolle des waffenführenden Arms, gleichzeitiger Konter- oder Störtechnik und zwingender Entwaffnungstechnik, die ohne größere Eigengefährdung im Verlauf der gesamten Abwehrhandlung im Stand oder in der Bodenlage erfolgen kann
→ 1. DAN

Bewertung in der Prüfung
In der Prüfung werden für die Bewertung der gezeigten Leistungen in den Prüfungsfächern „Stockabwehr“ und „Messerabwehr“ im Wesentlichen berücksichtigt:

1.    Ausweichbewegungen
→ Distanzverhalten zum Angreifer, Verbleiben im eigenen „grünen“ Bereich

2.    Kontaktaufnahme
→ sichere Kontaktaufnahme und kontrollierte Weiterführung des waffenführenden Arms

3.    Kontrolle des waffenführenden Arms
→ sichere Kontrolle des waffenführenden Arms mit der Möglichkeit der
prinzipiengerechten Anwendung weiterer (Folge-)Techniken

4.    Eigensicherung
→ Vermeidung der Eigengefährdung oder gar Verletzung durch die Waffe
des Angreifers während des gesamten Bewegungsablaufs

5.    Entwaffnung
→ zwingende Entwaffnung des Angreifers unter Berücksichtigung der
Eigensicherung

6.    Folgetechniken
→ prinzipiengerechte Anwendung von Folgetechniken

7.    Verhältnismäßigkeit
→ Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit und der Grundsätze des Notwehrrechts: die Verteidigungshandlungen sind einzustellen, wenn der Angriff nicht mehr gegenwärtig ist, d.h., wenn der Angreifer unter Kontrolle gebracht wurde und ein Fortsetzen der Angriffsbestrebungen nicht mehr zu erwarten ist.

Lothar Spielmann, 4. DAN Ju-Jutsu, Prüfungsreferent BJJV e.V. (Stand: 01/2013)